Ich Stick
Endlich. Es ist geglückt, er hat mich fallen lassen und nicht mehr gefunden. Es war ganz einfach. Ich lag am Boden. In eine Spalte des Bretterbodens auf seinem Speicher bin ich gerutscht. Das war vor zwei Tagen. Schon vorher ließ er mich immer mal wieder entwischen, ziemlich nachlässig von ihm. Jedes Mal hat er mich aber sehr schnell wieder entdeckt. Jetzt bin ich allein, davor war alles anders.
Wenn er mich suchen musste, wurde er fuchsteufelswild und fluchte. Meist passierte dies, wenn er mich aus seinem Laptop ausstöpselte und irgendwo ablegte, nur nicht am ausgemachten Platz. In einer der zahllosen Taschen seines Rucksacks oder im Geldbeutel, wenn er nicht mit dem Laptop arbeitete. Oft musste er mich zwischen all den Münzen freilegen, wenn er an einer Kasse bezahlen musste, bangte, dass ich nicht unbemerkt auf den Boden fallen würde. Übervorsichtig war er, hat meine wahre Identität einfach unsichtbar gemacht. Anderen etwas vorgaukeln, das kann er gut. Ich bin scheinbar leer, ohne Inhalt. Man müsse mich formatieren, schlägt das Betriebssystem vor. Dass ich nicht lache, man muss nur den Trick kennen und meinen Schlüssel. Er nannte das Kryptografie. Eine Software hat mich verschlüsselt.
Ich kann nur die Zahlenkombinationen erkennen, die in mir stecken. Null und eins, dieser Binärcode, unsere Fachsprache. Den versteht er natürlich nicht, dazu braucht er einen Interpreter. Er kennt sich nur mit der Klarschrift aus. Mir geht es umgekehrt, ich verstehe nichts von dem, was er da an Literarischem schreibt, lauter unverständliches, nutzloses Zeug, aber ihm ist es wichtig. Wie er sich jetzt fühlt? Ich bin mir nicht sicher, ob er Kopien seiner Dateien angelegt hat. obwohl er sonst so vorsichtig ist, eine gewisse Unordnung gehört zu ihm.
Wenn man mich in eine USB-Buchse steckt, werde ich lebendig, mein Auge beginnt grün zu leuchten, ganz zart und klein. Dann gefalle ich mir, bin voller Leben und komme mir wichtig vor. Ich habe einen Namen, „Trekstor“ mein Familienname, Rufname „Woistmeinstick“, in einem Wort, ganz schön kompliziert.
Meine Ober- und Unterseite glänzt silbern, an den Seiten bin ich schmal und habe schwarze Streifen, sehr elegant, manche sagen edel. Meine Oberfläche ist zart und empfindlich, mein Besitzer wusste ein Lied davon zu singen. Wenn er mich kratzte, reagierte ich allergisch. Dabei sind meine Innereien ziemlich fest. Kleine Bausteine auf einer Platine. Mikrospeicher sagte er dazu.
Wenn er Texte speicherte, hatte er sie sicher, dachte er, im Prinzip war das ja richtig. Wenn er sie nur wieder gefunden hätte! Er hat in seinen Verzeichnissen die gleiche Unordnung wie auf seinem Schreibtisch. Und er schrieb ab und zu auch noch mein Rootverzeichnis. Das tat richtig weh. Seine ungelesene Post hat das ähnlich empfunden, wenn er sie auf den Boden legte, weil auf dem Schreibtisch kein Platz mehr war, gestand sie mir einmal.
An meiner linken schmalen Seite besitze ich einen kleinen Schiebeschalter, mein zweites Schloss. Ist der Schalter geschlossen, bin ich immun gegen Feinde von außen, mein Schreibschutz. Die Versicherung gegen diese Krieger, Trojaner und wie sie sonst noch heißen. Die sich heimlich einschleichen, ohne Pass, wie Terroristen. Er hätte gern die vollkommene Sicherheit gehabt, Blödsinn. Er lebt in seinem Körper auch mit Viren merkt nichts davon. Ich dagegen lege Wert auf Qualität, filigrane Dateien sind mir die liebsten, solche in denen schöne Musik steckt.
Ab und zu nahm er mich mit auf seinen Speicher, so wie vor zwei Tagen, dort steht seine Sammlung alter Radios und Tonbandgeräte. Die staubt er immer selbst ab, da darf keiner außer ihm dran. Vor allem nicht die Putzfrau. Zärtlich legte er den Hauptschalter um, ließ sie zuerst richtig warmlaufen, damit die alten Röhren, die Skalenzüge und die Motoren der Tonbandgeräte ganz langsam etwas Saft in ihre Adern bekamen. Die Röhren mit den grünen Augen begannen zu leuchten, grün zu schimmern, zu oszillieren. Aufwärmen wie Sportler. Wenn ein Sender auf seinem Saba-Super aus den Fünfzigern mit dem hellen Stoffbezug vor dem Lautsprecher, man nennt es, glaube ich Brokat, richtig abgestimmt war, zog sich eine Pupille mitten im Stoff zusammen. Wenn der Sender weglief, fächerte sie auseinander.
„Wie schön das „magische Auge“ wieder leuchtet“, sagte er dann und „das ist eine schöne Art des Artenschutzes. Man muss sich mit seiner Vergangenheit befassen, sie annehmen, das Alte bewahren. Das ist meine Aufgabe.“
Jetzt bekomme ich das alles nur noch aus der Ferne mit, aber ich wollte es ja so.
Im Regal steht auch eine Revoxmaschine, die behandelt er immer wie ein rohes Ei, ein ganz seltenes Stück, sagt er, Studioqualität aus der Schweiz. Auf den großen Spulen der Magnetbänder ist seine Lieblingsmusik gespeichert, Jazz aus den Fünfzigern. Oft suchte er in alten Tabellen und Schaltplänen in einem meiner Verzeichnisse nach Bauteilen, die es nur noch selten in Tauschbörsen im Internet gibt. Das war immer seine letzte Option. „Da gibt es so ziemlich alles zu erfahren“, sagte er. Nur deshalb nahm er mich und seinen Laptop mit nach hier oben.
Ich schaute ihm hier besonders aufmerksam zu, nahm alles gierig in mich auf, was er bei mir zu Protokoll gab. Ab und zu speicherte er auch einen Song oder das Gequäke seines Enkels in mich hinein. Ich war dann ganz bei ihm, wie eine zweite Stimme. Mein Speicher besitzt ein Verzeichnis der Musiktitel. Er versuchte es auf dem Laufenden zu halten, ich habe nicht daran geglaubt, das er das je schaffen würde. Trotzdem seine Sammlung von zarter Musik, war ein elektronischer Zaubergarten. Ich hörte die alten Radios zirpen und pfeifen, die Tonbandgeräte quietschen. Dann freute ich mich, mein grünes Auge wäre am liebsten gehüpft. Die Musik aus alten Röhrengeräten klingt viel wärmer als mit Transistorverstärkern oder gar digitalen Geräten. Der neue Klang ist einfach grässlich.
Jetzt da er mich nicht mehr so schnell finden wird, schöpfe ich wieder Hoffnung, dass ich ihm wichtig bin. Es war schon lange mein größter Wunsch, dass er mich eines Tages in seinen Artenschutz einbeziehen würde. Am liebsten wäre es mir jetzt, wenn jemand etwas für mich schreiben könnte, eine Botschaft an ihn. Eine Art Testament, wie es die Menschen machen, an die Hinterbliebenen. Ein „Vermächtnis an den Verleger“, in seine Klarschrift übersetzt natürlich, ich würde auch das Codewort verraten. Als Titel würde ich mir wünschen: „Artgeschützt, WICHTIG! Nur vom Eigentümer zu bedienen!"
veröffentlicht in
Texte der Literatur-Werkstatt
Universität Stuttgart, Studium Generale
2008/2009
Copyright © Wolfgang Haenle 2009
Theme by Danetsoft and Danang Probo Sayekti inspired by Maksimer